11 Jahre, ein Motiv – und was dazwischen liegt

Es gibt diesen Moment, wenn man über den Marktplatz geht und plötzlich steht es da: das Rathaus Schweinfurt mit seinen markanten Treppengiebeln und dem Turm, der sich unübersehbar aus der Umgebung herausschält. Dieses Gebäude hat mich schon immer fasziniert. Und so war es 2015 eines meiner ersten Motive – und jetzt, elf Jahre später, habe ich es wieder einmal gezeichnet.

Was dabei herauskam, war mehr als nur ein Vorher-Nachher-Vergleich. Es war eine ehrliche Bestandsaufnahme.

Rathaus Schweinfurt
Rathaus Schweinfurt, Skizze von 2015

Das Material: ein treuer Begleiter, klügere Entscheidungen

Meinen Pitt Artist Pen von Faber-Castell nutze ich heute wie damals – er ist über all die Jahre mein verlässlicher Begleiter geblieben. Was sich aber verändert hat, ist das Papier. 2015 griff ich zu einem beliebigen Skizzenbuch, ohne zu wissen, worauf es ankommt. Da fließt die Farbe nicht, sondern wird sofort vom Papier aufgesogen. Da merkt man schon bald, da stimmt etwas nicht. Heute zeichne ich auf Aquarellpapier, das die Farbe ganz anders fließen lässt und trägt.

Ein kleiner Unterschied – und doch ein gewaltiger.

Der Strich: von krackelig zu sicher

Wenn ich die alte Zeichnung anschaue, sehe ich vor allem eines: Zögern. Jede Linie verrät, wie unsicher ich damals noch war. Der Strich ist krackelig, tastend, vorsichtig. Heute zeichne ich schnell und mit Überzeugung – und genau das gibt dem Strich eine Klarheit und Geradlinigkeit, die damals noch fehlte.

Was mir außerdem auffällt ist, dass ich damals auch noch nicht so genau wusste, welche Elemente ich zeichnen muss und was wegbleiben kann.

Das lässt sich nicht üben, indem man ein Tutorial schaut. Das kommt nur mit der Zeit – und mit vielen, vielen gezeichneten Seiten.

Die Farbe: früher zaghaft, heute mutig

2015 war Aquarell für mich noch Neuland. Ich setzte Farbe sparsam und zurückhaltend ein – als würde ich mich entschuldigen dafür, dass ich überhaupt male. Heute ist das anders. Ich nutze Farbe mutig, weiche bewusst vom Originalton ab, wenn es dem Bild dient, und baue Licht und Schatten so auf, dass sie das Gebäude zum Leben erwecken.

Die Colorierung und die Schattenführung im aktuellen Bild – darauf bin ich wirklich stolz.

Menschen im Bild: Leben statt Kulisse

Damals fehlten Menschen im Bild völlig. Das Rathaus stand allein – schön, aber irgendwie leblos. Heute ist es für mich selbstverständlich, etwas Lebendiges ins Motiv zu setzen. Meistens ist es eine Figur im Vordergrund, die dem Ganzen Maßstab und Seele gibt.

Das klingt nach einer Kleinigkeit. Aber wer es einmal versucht hat, weiß: Figuren in Architekturskizzen zu setzen ist eine Kunst für sich.

Rathaus Schweinfurt
Rathaus Schweinfurt, Skizze von 2026

Was noch wächst: die Bildkomposition

Ehrlichkeit gehört dazu: Das Rathaus sitzt auch in der neuen Zeichnung wieder mittig im Bild. Eine zentrierte Komposition wirkt schnell statisch, manchmal sogar etwas bieder. Mehr Mut zum Ausschnitt, zur verschobenen Achse – das ist mein nächster Schritt. Entwicklung hört eben nie auf.

Damals versteckt, heute im Gespräch

Vielleicht ist der größte Unterschied gar nicht auf dem Papier zu sehen. 2015 saß ich wohl leicht angespannt da, halb darauf wartend, dass jemand über meine Schulter schaut und urteilt. Heute habe ich dieselbe Zeichnung gefilmt – und nebenbei ein nettes Gespräch mit einem älteren Herrn geführt, dem mein „Gekritzel“ offenbar gefallen hat.

Gelassenheit. Die kann man sich nicht kaufen. Die wächst.

Wenn du noch zögerst, ob du anfangen sollst zu zeichnen: Tu es. Niemand verurteilt, was in deinem Skizzenbuch steht – und du musst es ja niemandem zeigen. Mit der Zeit kommt die Sicherheit, mit der Sicherheit die Freude. Und irgendwann filmst du dich einfach dabei, während du mit Fremden plauderst.

Euer Axel Weisenberger


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