Es gibt Tage, an denen läuft einfach nichts. Keine einzige Zeichnung klappt, alles fühlt sich falsch an, und am liebsten würde man alles hinwerfen. Was dann hilft, ist das Letzte, was man sich in diesem Moment vorstellen würde: einfach sitzen bleiben und nichts tun.
Stuttgart, zweiter Tag – und totale Frustration
Es war der zweite Tag des Urban Sketcher Deutschland Treffens in Stuttgart. Der Vormittag hatte mit einem Sketchcrawl begonnen – eigentlich genau das, wofür ich solche Treffen liebe. Aber irgendwie wollte keine einzige Zeichnung gelingen. Eine nach der anderen misslang, und die Frustration wuchs mit jeder Skizze.
Als wir zum Stützpunkt zurückkehrten, wollte ich wenigstens Stempel holen – aber der Andrang war so groß, dass auch das zur Tortur wurde. Ich war innerlich komplett aufgewühlt. Am liebsten hätte ich alles hingeworfen, meine Sachen gepackt und wäre heimgefahren.
Die Treppenstufe als Rettungsanker
Heimfahren wäre aber auch keine wirkliche Lösung gewesen – das wusste ich. Also setzte ich mich auf die Treppenstufen vor dem Gebäude. Dort saßen schon viele andere Urban Sketcher, aber ich suchte mir bewusst einen Platz etwas abseits, damit mich niemand anspricht. Ich wollte einfach nur: schmollen. Löcher in die Luft starren. Nichts.
Kein Skizzenbuch. Kein Stift. Kein Handy. Kein Gespräch. Nur ich, die Stufe und mein Frust.
Ungefähr 30 Minuten saß ich so da. Und dann – irgendwann – sah ich ihn. Einen Kirchturm. Er war die ganze Zeit schon da gewesen, direkt in meinem Blickfeld. Ich hatte ihn nur nicht gesehen. Kirchtürme liebe ich. Ohne groß nachzudenken, kramte ich mein Skizzenbuch hervor, griff zum Kugelschreiber und fing an zu kritzeln.
Die Zeichnung klappte. Erstaunlich gut sogar. Ich war selbst verblüfft. An diesem Nachmittag entstanden noch fünf weitere Zeichnungen, alle richtig gut.

Die Erkenntnis kam einen Tag später
Ich bin ein reflektierter Mensch. Ich denke Dinge gerne nach, lasse sie sacken, betrachte sie aus der Distanz. Einen Tag nach Stuttgart wurde mir klar, was auf dieser Treppenstufe eigentlich passiert war.
Der Frust, die Aufgewühltheit, die Enttäuschung – all das hatte mich blockiert. Nicht weil ich schlecht zeichne oder weil der Tag hoffnungslos war, sondern weil mein Kopf einfach voll war. Diese 30 Minuten auf der Treppenstufe hatten mir nicht geholfen, weil ich dort irgendetwas „Sinnvolles“ getan hatte. Sie hatten geholfen, weil ich den Gefühlen Raum gegeben hatte. Ich hatte den Frust nicht weggedrückt oder überspielt – ich hatte ihn einfach sein lassen.
Und genau das ist der Unterschied. Wir sind so trainiert, unangenehme Gefühle zu verdrängen – abzulenken, weiterzumachen, das Handy rauszuholen, irgendetwas zu tun. Aber verdrängte Gefühle verschwinden nicht. Sie blockieren. Das Gedankenschweifen lassen, das Fühlen-Dürfen ohne Ablenkung – das nimmt dem Frust die Wucht. Danach kann man wieder klar denken.
Seitdem mache ich es immer wieder so
Was in Stuttgart ein Zufall war, ist inzwischen eine bewusste Methode geworden. Immer wenn mich beim Zeichnen die Frustration überwältigt, lege ich alles weg und sitze einfach. 30 Minuten. Kein Handy, keine Gespräche, keine Ablenkung. Nur die Gefühle, die da sind – und die Umgebung.
Es hat seitdem jedes Mal funktioniert.
Das gilt nicht nur für Urban Sketcher
Ich bin überzeugt, dass diese kleine Auszeit nicht nur für Zeichner und Aquarellkünstler funktioniert. Ob Schriftsteller vor dem leeren Blatt, Musiker, die sich in einer Komposition verfahren haben, oder Fotografen, die keinen einzigen guten Schuss hinbekommen – Frustration blockiert Kreativität. Und Frustration braucht keinen Kampf. Sie braucht Raum.
Das Geheimnis ist simpel und fast schon unbequem in seiner Einfachheit: Sitz hin. Tu nichts. Leg das Handy weg. Rede mit niemandem. Lass die Gedanken schweifen und die Gefühle kommen. 30 Minuten.
Und dann schau, was du siehst. Vielleicht steht da die ganze Zeit schon ein Kirchturm.
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